Kommen > Nehmen > Gehen

Vor einer halben Stunde (ich las gerade Kunderas "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" zum 95. Mal und schmorte dabei unerbitterlich in der heißen Nachmittagssonne) klingelte es Sturm an meiner Tür. Meine Hoffnung: Steffen und ein gigantischer Strauß rote Rosen strahlen mich an, wenn ich gleich völlig verschwitzt die Tür öffne. Meine Angst: Ein Rudel hungriger Wölfe wirft sich über mich und zerfleischt mich in meinem ganzen jämmerlichen Dasein. Wie immer trug die Realität meinen Hoffnungen kaum Rechnung. Ole, mein jüngerer Sorgenbruder, stand vor der Tür. Du siehst gut aus, schwarz macht dich schlank, nicht dass du fett wärst, fett ist überhaupt so ein starkes Wort, stabil gebaut, stabil sein ist ja was Gutes. Hallo Ole. Er wollte mal vorbeischauen, mich fragen, wie es mir geht und ob ich immer noch für die Post arbeiten würde. War es die Post? Jedenfalls irgendwas Gelbes. Ole interessierte sich immer nur dann für mich, wenn er etwas brauchte. Geld, ein Alibi, ein Asyl, einen gut gemeinten Rat, den er doch nie annahm. Zwei Bier und drei neue Grübelfalten später rückte er endlich raus mit der Sprache. Die Gitarre, du weißt doch, wie wichtig sie mir war, sie haben sie mir geklaut. Schweine. Ich bring sie um. Und der Auftritt morgen. Muss ne neue holen. Drüben beim Holger, du weißt doch, der mit dem Bart, der dir gesagt hast, du solltest Schlagzeug spielen, so rhythmisch wie du aufn Boden stampfst. Man, das war witzig. Es war beleidigend. Eigentlich. Nur 200, nur fürn Übergang, morgen hast dus wieder, echt. Ole hatte mir noch nie Geld zurück gegeben. Du bist doch meine Lieblingsschwester. Lyddie killt mich doch, wenn ich die anschnorre, weißt du doch, sie ist besessen, voll durchgeknallt. Ole und Lydia hatten schon immer eine Neigung dafür gehabt, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Bitte Emmi, du weißt, auf mich kannste dich verlassen. Ich schwörs. Glaubte man Oles Schwüren, so wären sämtliche Rockgiganten und unsere halbe Familie bereits drei Mal im Grab. Eine meiner Schwächen: Mitleid. Ich gab ihm 200 Euro, noch 10 Euro für die Bahn und Ole war schneller verschwunden, als ich sagen konnte "Ole ist der schlimmste Bruder der ganzen Welt". Ist er wirklich, glaubt mir. Er ist genau wie der Rest der Welt:

Kommen > Nehmen > Gehen. Ohne Blick zurück.

 

12.5.08 18:39

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