Frühstückspause

Für die meisten ist die Frühstückspause das Highlight des Tages. Einfach alles stehen und liegen lassen und ohne Rücksicht auf Verluste in die Caféteria oder an die frische Luft rennen - denn den letzten beißen ja bekanntlich die Hunde. Dann werden hochmotiviert die Nachrichten der letzten Stunde diskutiert, über die Damen aus der Buchhaltung gelästert und neue Gerüchte in die Welt gesetzt. Dichter Zigarettenqualm brennt den wenigen Nichtrauchern unter uns in den Augen. Eine halbe Stunde, dann kehren alle mit triefendem Gelächter in ihre stickigen Büros zurück.

Ich verbringe meine Frühstückspause am liebsten am Schreibtisch. Hier, wo der Bildschirm hin und wieder bei günstiger Sonneneinstrahlung mein Gesicht reflektiert und ich mich zwischen meinen kokosnussbraunen Kolleginnen kränklich blass fühle. Nicht nur blass, sondern auch aufgedunsen, ungeschminkt, completely underdressed, nicht schön, nicht schlank, nicht interessant. Für niemanden.

Da ist Maria: Sie ist immer sehr nett zu mir. Sie ist die Jüngste der Belegschaft und trotzdem diejenige mit dem größten Redeanteil. Ausnahmslos immer. Seit ihrer Verlobung vor gut einem Monat mit einem Tennisspieler trägt sie stolz einen funkelnden Ring an der Hand. Mir scheint, ihr Permanent-Lächeln ist seitdem noch strahlender geworden. Ich würde mich gern für sie freuen, aber ihr wisst schon, wie das so ist mit dem Neid.

Dann ist da noch Luise, Ende 20, Kettenraucherin, Dauerkundin in Solarien, Nagel- und Fitnessstudios. An jeder Ecke geschminkt, blondiert und gewachst. Sie ist nicht besonders hübsch, aber ihr könnt euch vorstellen, dass mit Lippenstift und Miniröcken einiges rauszureißen ist.

Zum Schluss noch Elisabeth, kurz: Betty. Sie hat einen wahnsinnig schrägen Sinn für Humor und einen außerordentlich breit gefächerten Männergeschmack - wenn ihr versteht, was ich meine. Ihre aktuellen Eroberungen lassen ihr hin und wieder Blumensträuße ins Büro liefern oder holen sie nach der Arbeit mit benzinfressenden Riesenautos ab. Sie hat eine eigene Kolumne, wofür ich töten würde - meinetwegen auch sie, denn ich mag sie ohnehin nicht sonderlich.

Das sind also die Leute, mit denen ich tagtäglich 8 Stunden in einem Raum verbringen muss. Und darum bleibe ich in der Frühstückspause lieber dort, wo sie definitiv nicht sind: Bei der Arbeit.

15.5.08 10:55

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