Familienausflug

Wie ich mir schon gedacht habe, hat sich Ole seit seinem überstürzten Besuch nicht mehr bei mir gemeldet. 210 Euro, die ich gut in Fanta und Salzstangen hätte investieren können. Kommendes Wochenende sind Ole, Lydia und ich zum Mittagessen bei unseren Eltern eingeladen. Eine gute Möglichkeit, Ole zur Rede zu stellen, doch ich vermute, er wird seinem Ruf alle Ehre machen und entweder gar nicht oder sturzbetrunken mit einer neuen Freundin in den gepflegten Vorgarten meiner Eltern schneien. Immerhin redet er mit meinem Vater seit Jahren nicht mehr, doch meine Mutter versucht nach wie vor, "die Familie zusammenzuhalten". Ich bewundere sie für ihr Durchhaltevermögen.

Mein kleiner Bruder Ole, der gerade mit viel Lärm und alkoholischen Getränken seinen 20. Geburtstag gefeiert hat, war bis zu seinem 16. Lebensjahr völlig normal. Meine Theorie: Aliens sind auf unserem skurrilen Planeten gelandet, haben sein Gehirn mit dem eines Seehundes ausgetauscht und übertragen seitdem den Quotenschlager "Ole von der Erde" auf ihrem kleinen grünen Planeten. Ich erinnere mich noch gut an diesen Samstagmorgen, der so langweilig war wie die neue Heckenschere, die mein Vater gerade stolz präsentierte. Ole betrat die Küche mit einem seltsam aufrechten Gang und hinter ihm schlich schüchtern ein dunkelhaariges, zierliches Mädchen im Nachthemd. Seit diesem Tag hält sich Ole für einen Herzensbrecher und verbringt seine Zeit nicht mehr mit Hausaufgaben, sondern mit Gitarrenunterricht und viel älteren Jungs in Lederjacken. Das war der Anfang des Übels: Einen Monat später stand die Polizei vor unserer Tür, Ole hatte CDs geklaut. Ein Jahr später flog er von der Schule, weil er die geringe Zeit seiner Anwesenheit damit verbrachte, Mitschüler zu verprügeln und Lehrer zu beleidigen. Mit 18 flog er dann auch bei meinen Eltern raus und bewohnt seitdem einen uralten Wohnwagen, in dem es immer nach Bier und Schweiß riecht.

Ehrlich gesagt: Ole und Lydia können gar nicht verwandt sein! Meine große Schwester war schon immer eine Musterschülerin, anständig, bescheiden, intelligent, zielstrebig, das Lieblingskind meiner Eltern, auch wenn sie sich Mühe gaben, ihre Vorliebe für Lydia zu verbergen. Lydias Geschichten waren immer ein bisschen aufregender, ihre Zeugnisse immer ein bisschen besser als meine. Nur ein bisschen, doch das reichte, um aus ihr eine erfolgreiche, steinreiche Anwältin zu machen. Ich habe kaum Kontakt zu ihr, dafür ist sie viel zu beschäftigt - und ich gebe vor, es auch zu sein, um etwas von ihrem coolen Business-Touch abzubekommen. Sie hat seit sieben Jahren einen Freund, der ein immer perfekt gekleideter Notar ist. Lydia ist mir in den letzten Jahren so fremd geworden, dass ich keine Worte mehr finde, wenn wir uns auf den seltenen Treffen bei meinen Eltern gegenüber sitzen. Es fühlt sich traurig an, und irgendwie falsch.

Meine Mutter hat immer gesagt, was Lydia zu viel hat, hat Ole zu wenig. Lydia erregte Aufsehen durch ihre Unerschütterlichkeit, durch ihren Ehrgeiz und durch ihr Talent - Ole hingegen durch Randale, Provokation und katastrophalen Musikgeschmack. Doch bei all dem blieb nie Aufmerksamkeit für mich übrig.

15.5.08 13:13

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